Münchhausen Stellvertreter Syndrom

  

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Aus   Paten Heft 2/1998:

Susanne Lambeck: Eine fürsorgliche Kindesmißhandlung  

Laura ist vier Jahre alt.
Ihr fiktiver Fall soll eine seltene Form von Kindesmißhandlung verdeutlichen. Zum siebten Mal ist sie wegen heftiger Durchfälle in der Kinderklinik zur Beobachtung.
Wie bei den vorangegangenen Aufenthalten weicht ihre Mutter auch diesmal nicht von ihrem Bett.
Auch diesmal zeigt Laura bei der Aufnahme wäßrige Stühle, sie ist ausgetrocknet und klagt über heftige Bauchschmerzen.
Die Mutter berichtet, daß Laura seit der letzten Entlassung vor vier Wochen ununterbrochen an Durchfällen leide.
Im Gegensatz hierzu wirkt Laura jedoch keineswegs abgemagert.
Auch normalisiert sich Lauras Stuhl nach drei Tagen stationärer Behandlung ebenso wie bei den vorangegangenen Aufenthalten.
Eine medizinische Erklärung läßt sich für die Symptome nicht finden.
Weder lassen sich Krankheitserreger nachweisen, die für die Durchfälle verantwortlich sein können, noch bringen die aufwendigen Untersuchungen
auf Stoffwechselstörungen irgendein Ergebnis.
Obwohl Laura viele zum Teil unangenehme Untersuchungen über sich
ergehen lassen muß, zeigt sich ihre Mutter immer zufrieden mit dem Verlauf
der Behandlung, auch wenn die Untersuchungsergebnisse keine Erklärung für Lauras Beschwerden bringen.
Nach Aussage der Mutter treten die Durchfälle Zuhause sofort wieder auf.
Zum Stationspersonal pflegt die Mutter ein inniges Verhältnis, versorgt die Schwestern mit Kuchen und Kaffee und packt auch bei der Pflege fremder Kinder schon einmal mit an.
Niemand auf der Station vermutet, was sich bei der achten stationären
Aufnahme wegen der selben Symptome durch Zufall herausstellt:
Die Mutter hat Laura immer wieder hohe Dosen von Abführmitteln gegeben, ohne daß es dafür einen medizinischen Grund gegeben hätte.
Die Diagnose lautet schließlich «Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom».

Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom
(Munchhausen syndrome by proxy)
bezeichnet eine besondere Form der Kindesmißhandlung.
Hierbei werden körperliche Symptome beim Kind durch die Bezugsperson manipulativ erzeugt.

Beschrieben wurde das Syndrom erstmals 1977.
Das Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom stellt eine subtil versteckte Form
der Kindesmißhandlung dar, über deren spezifische Ursache vorerst so gut
wie nichts bekannt ist.
Der Begriff lehnt sich an das bei Erwachsenen beschriebene Münchhausen-Syndrom an, bei dem Patienten falsche Krankengeschichten erfinden und körperliche Beschwerden und Laborbefunde produzieren,
die unnötige Untersuchungen und Operationen sowie Behandlungen
nach sich ziehen.

Die am häufigsten berichteten bzw. produzierten Symptome bei Kindern
sind Anfälle, Hautausschläge und die Verfälschung von Laborbefunden
durch Beimengen elterlichen Blutes in Sputum oder Urin bzw. von Salz
oder Flüssigkeiten in Blutproben.
Andere Methoden bestehen in Gaben von überdosierten Medikamenten,
die den Eltern verschrieben wurden, oder von exzessiven Mengen an Abführmitteln.
Die Folgen der herbeigeführten Symptome reichen von umfangreicher, oft schmerzhafter Diagnostik, häufigen und langfristigen Krankenhausaufenthalten bis zu potentiell gefährlichen Behandlungen einschließlich Todesfolge.

Bei allen bisher beschriebenen Munchhausen syndrome by proxy Fällen
waren Frauen die Täterinnen. Häufig kamen sie aus medizinischen Berufen.
In der Behandlung der Kinder wirkten sie überaus kooperativ und engagiert,
was es sicherlich erschwert, an diese Diagnose zu denken.
Eltern der Mißhandlung ihres eigenen Kindes zu bezichtigen, ist für alle eine sensible und schwierige Entscheidung.
Der Gedanke an eine Mißhandlung kommt im sozialen Umfeld eher auf,
wenn es sich um eine scheinbar desinteressierte und wenig
kooperative Mutter handelt.
Gerade die hohe Einsatzbereitschaft der Mütter macht es gefühlsmäßig
für die Behandler so schwierig, diese Diagnose zu stellen.
(In vielen Pädiatrie-Büchern findet sich vorsichtshalber auch erst gar kein Hinweis auf dieses Störungsbild.)
So sind aufgrund der wenigen beschriebenen Fälle die psychologischen Auswirkungen auf die betroffenen Kinder bisher noch wenig untersucht.
Die bisher beschriebenen Fälle umfassen Kinder in einem Alter bis zu acht Jahren. Über die mißhandelnden Mütter ist ebenso wenig bekannt.
Es ist zu vermuten, daß sie auffällige Persönlichkeiten sind,
die möglicherweise aus eigenen ungelösten Konflikten das Kind durch Vorspiegelung einer Krankheit in einer massiven Abhängigkeit binden.
Neben der Ablenkung von eigenen Problemen spielt sicherlich auch
die soziale Anerkennung,
«sich so hingebungsvoll um das kranke Kind zu kümmern»,
eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Es gibt viele engagierte Mütter und viele unklare Krankheitsverläufe.

Trotzdem sollte man als behandelnde Ärztin oder zuständige SozialarbeiterIn
bei folgenden Zeichen besonders aufmerksam hinschauen:
bei anhaltenden oder wiederkehrenden Krankheiten ohne identifizierbaren Grund, bei Symptomen, die bei der Trennung von der Mutter nicht auftreten,
bei ungewöhnlichen Symptomen und Verläufen, die klinisch keinen
Sinn ergeben, bei anhaltendem Therapieversagen ohne erkennbaren Grund,
ein ständig am Bett sitzender Elternteil, der das Personal übermäßig lobt,
sich stark an das Personal bindet und sich an der Versorgung anderer Patienten beteiligt, ein Elternteil, der sogar schmerzhafte Untersuchungen für sein Kind begrüßt.

Sind mehrere dieser Hinweise gegeben, sind wiederholte toxikologische Überprüfungen von Laborproben, Stuhlanalysen und eine vollständige medizinische Anamnese des Kindes, seiner Eltern und aller Geschwister einschließlich Überprüfung der elterlichen Angaben durch
Krankengeschichten sinnvoll.
Um den Symptomverlauf genauer zu erfassen, kann eine zeitweise
Trennung von Eltern und Kind sinnvoll sein.

Bei frühzeitiger psychotherapeutischer Behandlung der betroffenen
Familie ist die Prognose gut.

Literatur:

Steinhausen, H.-C.:
Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen - Lehrbuch der Kinder und Jugendpsychiatrie, München 1996.

Rossi, E. et al: Pädiatrie, Stuttgart 1997.

Engfer, A.:
Kindesmißhandlung, Ursachen, Auswirkungen, Hilfen, Stuttgart 1986. 

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